Die Geschichte von Vicky und Muaz

Die junge Frau ist 21, Muaz Al-Halabi zählt 20 Lenze. Die eine steht als Tochter einer bekannten Politikerin und eines Unternehmers auf der Sonnenseite des Lebens, der andere hat jäh die dunklen kriegerischen Schatten des Daseins kennengelernt. Was beide verbindet, ist die Liebe zum Pferd. Und dass aus sportlichem Teamwork eine echte und lang anhaltende Freundschaft werden kann, dafür haben die German Friendships 2011 in Herford gesorgt. Muaz' Teilnahme am Jugendturnier auf dem Hof der Familie Meyer zu Bexten sollte sich für den jungen Mann aus Syrien schon ein Jahr später wie ein Sechser im Lotto auszahlen.  

Einer der Wegbereiter seines  Starts war Lars Meyer zu Bexten. Der war zu jener Zeit Nachwuchsbundestrainer der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und sprach Muaz bei einem Turnier in Österreich an, ob er nicht bei den Friendships starten wolle. „Lars hat mich schnell überzeugt“, sagt Muaz. Der junge Mann aus Nahost wollte diese andere Form eines Springturniers (Motto: Friendships, not championships“) unbedingt kennenlernen und machte auch einigen Freunden aus der arabischen Welt die Teilnahme schmackhaft. Die Nennung sollte sich bezahlt machen. Zunächst sportlich, als Fortuna ihm mehr als nur ein Lächeln schenkte. Der damals 16 Jährige bildete mit der Tochter der heutigen Bundesministerin für Verteidigung, Ursula von der Leyen, eine Mannschaft. Die beiden Teenies wurden zum Erfolgsteam. Platz vier in der ersten Prüfung, der Bronzerang bei Start Nummer zwei, dazu der Sieg im Großen Preis, das machte unterm Strich Silber in der Gesamtwertung aus. „Wir harmonierten von Anfang an, ein Paar war nur etwas schneller als wir“, erinnert sich Muaz Al Halabi an seinen sportlich erfolgreichen Auftritt in Herford.

Er, einst als Sohn eines Reiseunternehmers in Syriens Hauptstadt Damaskus behütet aufgewachsen,  mag Pferde ebenso und kann sich ein Leben ohne die Vierbeiner eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Allerdings steht auch für ihn seine Ausbildung zum Piloten an erster Stelle. „Für mich gab es nur immer zwei Dinge: Ich wollte reiten und fliegen“. Daran hat er immer festgehalten. Bis heute.

Als richtig erkannte Ziele verfolgt der junge Mann zielstrebig und beharrlich.  Dabei kam es für ihn und seine Familie knüppeldick. 2012 musste er sein vom Krieg schwer gezeichnetes Heimatland verlassen. Vater Szakvan, der heute mit dem Rest der Familie in Malaysia bei ehemaligen Geschäftspartnern untergekommen ist, hatte ein Machtwort gesprochen, als die lebensbedrohenden Bombenangriffe und damit verbundene Einschläge immer gefährlicher wurden.   Muaz, mit 17   in einem Alter, in man bekanntlich noch Träume hat, musste Syrien Richtung Westen verlassen. Da zwinkerte ihm Fortuna zum zweiten Mal wohlwollend zu.  

Was zunächst wie ein Horrortrip ins Ungewisse aussah, entpuppte sich als Glücksreise, denn der junge Mann hatte durch den Reitsport viele Freunde gefunden, darunter auch die junge Reiterin. Sie konnte helfen. „Ich habe der Familie alles zu verdanken“, sagt Muaz heute. Sie war bei der Wohnungsbeschaffung in Hannover behilflich und sorgte auch dafür, dass der junge Mann aus dem nahen Osten, der schon als 16-jähriger Reiter aufgrund seines großen Talents von Sponsoren unterstützt wurde und in schweren Prüfungen siegreich war, heute trotz anfangs fremder Sprache und Umgebung seine Ausbildung zum Piloten vorantreiben kann.  

Zwei Jahre Flugschule in Syrien waren zwar für die Katz, weil sie hierzulande nicht anerkannt wurden, doch Muaz wittert  auch in dieser Hinsicht wieder Morgenluft.  Eines Tages bei einer großen Fluggesellschaft als Kapitän zu fliegen ist sein großes Ziel. Darauf arbeitet er mittlerweile als Student der Flugschule „Aerowest“ kontinuierlich und zielorientiert  hin.  Dafür nimmt der junge Mann auch viele Unzulänglichkeiten in Kauf. So hat er seine Familie in den letzten vier Jahren nur einmal für zwei Wochen besuchen können. „Weder meine Eltern noch ich haben noch das Geld dafür“, verhehlt er nicht, mittlerweile finanziell längst nicht mehr auf Rosen gebettet zu sein. Da klingt zwar eine gewisse Wehmut mit, doch kein Vorwurf gegen irgendwen. Er ist froh und glücklich, dass ihn das Schicksal nicht völlig aus der Bahn geworfen, sondern ihm die vielzitierte zweite Chance ermöglicht hat. Den German Friendships sei Dank.

Obwohl nur einmal in Herford am Start, hat Muaz das Turnier in Westfalens Osten nicht vergessen. Klarer Fall, dass er auch in diesem Jahr wieder dabei sein möchte. Wahrscheinlich aber leider nur als Zuschauer. Er hat kein Pferd, und ein Sponsor ist nicht  in Sichtweite. „Kann ich mir derzeit nicht leisten“, verdeutlicht er ohne Umschweife. Er weiß aber auch, dass alles wieder anders und besser werden kann. Das wird dann der Fall sein, wenn er eines Tages einen Job „in der kommerziellen Fliegerei“ ergattern kann.

Seine Reiterfreundin wünscht Muaz von ganzem Herzen, dass seine Wünsche in Erfüllung gehen werden, denn aus den Herforder Reitertagen vor vier Jahren „ist echte und gute Freundschaft“ entstanden. Ehrensache für sie, dass sie das 2015er Turnier zusammen mit Muaz besuchen wird. Der hofft zwar noch auf einen Vierbeiner, um auch aktiv mitmischen zu können, doch für ihn wird die Welt nicht untergehen, wenn das nicht der Fall sein sollte. Er baut auf seine Zukunft, die er in Deutschland sieht. Für seine Heimat sieht er nur noch schwarz. „Ich glaube angesichts der Kriegswirren nicht an eine Rückkehr“, sagt der junge Mann. Dass seine gute Freundin ihm für seine Zukunftsplanung aller Daumen der Welt drückt, ist Ehrensache. „Ich bewundere Muaz dafür, nie aufzugeben und immer positiv nach vorne zu schauen. Ich bin froh, ihn meinen besten Freund nennen zu können."
Mehr Lob geht nicht.
 


27.07.2015